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Uwe Timm Autor

Uwe Timms "Die Entdeckung der Currywurst" und die Entstehung der Original Currywurst

Ob auf dem Volksfest, der Schulveranstaltung oder an der Imbiss-Bude in der Innenstadt, es gibt ein Gericht, das seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr wegzudenken ist: die Rede ist von der Original Currywurst.

Die Wurst mit der würzigen Soße ist seit jeher in aller Munde und verzaubert pur oder zusammen mit Pommes frites die Gaumen von Jung und Alt. So werden in Deutschland jährlich rund 800 Millionen Currywürste verzehrt. Doch wer hat die Original Currywurst erfunden? Sowohl Hamburg als auch Berlin beanspruchen diesen Status für sich! Eine Debatte, die auch an dem deutschen Schriftsteller Uwe Timm nicht spurlos vorbeiging. Vielmehr wird der Food-Klassiker zum Hauptthema der Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“.

Welche spannenden Fakten es rund um die Original Currywurst zur erfahren gibt und was sich hinter der Lektüre verbirgt, erfahren Sie hier:  

 

Wer hat’s erfunden: Hamburg oder Berlin?

Currywurst, Imbiss, SchaleWer hat’s erfunden? – Das ist die entscheidende Frage bei der Entdeckung der Original Currywurst. Hierbei kriegen sich Hamburger und Berliner gerne einmal in die Haare, denn jeder behauptet, die Wurst mit roter Soße erfunden zu haben.

Hieb und stichfest wird sich dieses Rätsel um die Original Currywurst vermutlich nicht mehr lösen lassen. Doch für Berliner ist klar, dass Herta Heuwer das Kultgericht der Deutschen erfunden hat. So besagt die Legende, dass Herta am 4. September 1949 im Nachkriegsberlin aus Langeweile in ihrer Imbissbude am Stuttgarter Platz mit frisch geschnittenem Paprika, Paprikapulver, Tomatenmark und Gewürzen experimentierte. Diesen Mix goss sie schließlich über eine gebratene und in Stücke geschnittene Brühwurst. – Und erfunden war die Original Currywurst!

Doch der entscheidende Schritt kam erst noch: Sie ließ sich ihre Currywurstsoße unter dem Namen „Chillup“ (Anm. der Readaktion: eine Kombination aus Chilli und Ketchup) patentieren! Ein kluger Schachzug, der ihr schließlich auch den dokumentierten Ruhm als Currywurst-Erfinderin gebührt. Dabei war die in Königsberg geborene Frau gar keine gelernte Köchin, sondern absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und im Anschluss eine Schneider-Lehre. Erst danach belegte sie Haushalts- und Kochkurse.

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete sie in der Berliner Küchenhilfe, bevor sie dann ihren Imbiss eröffnete. Diesen Werdegang der Berliner dokumentiert auch Deutsche Currywurst Museum in Berlin.

 

Hamburg fehlt hingegen jegliche Art der Dokumentation, obwohl die Hansestadt ebenfalls die Erfindung der Currywurst für sich beansprucht. Hier soll es Lena Brücker gewesen sein, die am Großneumarkt bereits direkt nach dem Krieg die rote Soße erstmals gekocht hat, wie man es sich in der Hansestadt erzählt.

Entsprechend schreibt ihr auch der in Hamburg gebürtige Autor Uwe Timm in seiner Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ die Erfindung zu.  Zugleich führt er als Beweis an, er habe die Wurst dort selbst als Kind im Jahr 1947 gegessen.

 

Wie eine Novelle Hamburgs Currywurst-Legende erzählt

Die Entdeckung der Currywurst, Uwe Timm, Buch, Buchcover1993 veröffentlichte der Schriftsteller und Drehbuchautor Uwe Timm, der vor allem als Autor des Jugendbuchs "Rennschwein Rudi Rüssel" Bekanntheit erlangte, seine Novelle "Die Entdeckung der Currywurst". Diese spielt vor allem in der deutschen Nachkriegszeit und den späten 80er-Jahren. Lena Brücker, mittlerweile beinahe erblindet und in einem Altenheim untergebracht, erzählt in Rückblicken von Ihrer Tätigkeit als Chefin einer Volkskantine, ihrem damaligen Privatleben und ihrer Kreation der Original Currywurst.

Doch wie Uwe Timm selbst konstatiert: „Es geht ja auch nicht so sehr um die Currywurst. Es ist ja eigentlich eine Liebesgeschichte.“ (Quelle: dtv)

Sie interessiert was es damit genau auf sich hat und in welchem Zusammenhang Lena Brückers berufliche Tätigkeit, ihr Privatleben und die Entdeckung der Currywurst stehen? – Dann lesen Sie hier weiter:

Wie Lena Brücker dem Erzähler und Leser bereichtet, beginnt ihre Liebesgeschichte am 29. April 1945 in Hamburg. Der Krieg liegt bereits in den letzten Zügen und bei einem Kinobesuch in „Knopfs Lichtspielhalle“ auf der Reeperbahn stellt sich Frau Brücker hinter dem jungen Marinesoldaten Hermann Bremer an. Die beiden kommen ins Gespräch und nehmen schließlich bei dem später einsetzenden Bombenalarm gemeinsam Zuflucht in einem Luftschutzraum. Nach der Entwarnung treten sie raus ins Freie,  in den Nieselregen und Bremer breitet seine Feldplane als Regenschutz über beiden aus. Zusammen suchen sie Frau Brückers Wohnung auf und er bleibt über Nacht.

Klingt zunächst wie der Beginn einer romantischen Liebesgeschichte. – Jedoch mit der Besonderheit, dass Lena Brücker rund 20 Jahre älter als Bremer ist und eigentlich verheiratet ist. Auch wenn sie aufgrund des Krieges nicht weiß wo ihr Mann ist und ob er noch lebt. Als sich am nächsten Morgen Bremer allerdings gegen seinen Dienst entscheidet und Fahnenflucht begeht, nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Die Novelle selbst beginnt aber über 40 Jahre später als der Erzähler versucht dem Geheimnis der Currywurst auf die Spur zu kommen. Doch Frau Brücker, die ab Ende der vierziger Jahre einen Imbissstand am Hamburger Großneumarkt betrieb, lässt sich das Geheimnis um die Currywurst nicht so leicht entlocken: „Is ne lange Geschichte, sagte sie. Mußte schon n bißchen Zeit haben.“

Insgesamt 27 Tage verbringt Bremer als Fahnenflüchtiger bei Lena Brücker, in denen er sich weder auf der Straße blicken lassen darf, noch zu laut in der Wohnung sein darf. Erst abends kommt die Hamburgerin von ihrem Dienst als Kantinenleiterin der Lebensmittelbehörde nach Hause und zaubert ihm wunderbare Köstlichkeiten, deren Zutaten sie tagsüber in ihrem Job organisiert. Sie genießt die gemeinsamen Stunden mit dem jungen, attraktiven Bremer und verschweigt ihm daher auch, dass die Nazis kurz nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht kapituliert haben.

Während sie fürchtet ihn zu verlieren, fühlt er sich immer mehr eingesperrt. In dieser Extremsituation kommt es zu immer größeren Spannungen zwischen den beiden, bis Lena Brücker plötzlich außer sich gerrät:  „Der Krieg ist aus. Verstehste, aus. Längst. Aus. Vorbei. Futschikato. Wir haben ihn verloren, total. Gott sei Dank.“

Daraufhin überschlagen sich die Ereignisse: Bremer verlässt sie wortlos,  kurze Zeit später steht ihr aus dem Krieg heimgekehrter und ungeliebter Mann vor der Tür, den sie schnell wieder raus wirft und schließlich macht sie sich mit einem Imbissstand selbstständig. – Bremers Feldplane wird zum Dach und ein von ihm zurückgelassenes silbernes Abzeichen verhilft ihr auf dem blühenden Schwarzmarkt alle notwendigen Zutaten zu ertauschen.

Und schließlich naht die Stunde der Wahrheit: Als die schwer beladende Hamburgerin auf der Treppe ins Stolpern gerät, zerbrechen drei Flaschen Ketchup und vermischen sich mit dem ebenfalls heruntergefallenen Curry. Das vermeintliche Missgeschick entpuppt sich als Geschmackserlebnis. Lena Brücker gibt weitere Gewürze hinzu, schmeckt ab, experimentiert – und entdeckt die Original Currywurst!

 

 

Tipps für Ihren Lesekreis – der Zugang zum Buch

Interpretationsansätze für „Die Entdeckung der Currywurst“

Buchbesprechungen, Mann, FrauenWenn Sie sich mit Ihrem Lesekreis der Novelle widmen, werden Sie feststellen, dass auf den 220 Seiten nicht unbedingt die Erfindung der Original Currywurst im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr die Lebensgeschichte von Frau Brücker. Geduld ist für den ein oder anderen also durchaus gefragt, wenn Sie wissen wollen, wie die Original Currywurst erfunden wurde. Als Meister des Fabulierens weiß Uwe Timm jedoch wie eine Geschichte spannend ausgeschmückt werden kann, ehe schließlich der inhaltliche Höhepunkt – die Auflösung des Titels – folgt.

Um die Diskussionen und die Interpretation von „Die Entdeckung der Currywurst“ in Ihrem Lesekreis anzufachen könnten Sie sich beispielsweise über Folgendes Gedanken machen:

 

 

 

  • Welche Anspielungen auf antike Mythen sind in der Novelle in mannigfaltiger Form zu finden?
  • Welche Rolle spielt beispielsweise der Homer-Topos des blinden Erzählers?
  • „Aber Lügen, hat meine Mutter immer gesagt, Lügen macht die Seele krank. Aber manchmal macht das Lügen auch gesund.“ Wie würden Sie dieses Zitat interpretieren? Wie stehen Sie dazu?
  • Setzen Sie das Zitat auch mit Wolf Schneiders Aussage, die nachfolgend zitiert wird, in Bezug: „Die Wahrheit ist oft verletzend und meistens unbequem. […] Es ist die Lüge, die uns wärmt.“
  • Wo zeigen sich Ihrer Meinung nach die Grenzen zwischen recherchierten Fakten und der Erinnerung an das Seemannsgarn, das Timms Großvater ihm als Kind immer erzählte?

 

Extratipp: Studieren Sie mit ihrem Literaturkreis die Biografie des Autors. Sie werden erstaunt sein, welche spannenden Fakten und Parallelen sich darin wiederfinden lassen.

Jedoch ist zu betonen, dass es sich bei Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“ nicht um eine Autobiografie handelt, wenngleich es offensichtliche Parallelen zwischen dem Ich-Erzähler und Autor gibt.

Bestimmt interessiert Sie die Intention die hinter Uwe Timms Werk steckt. – Ausgangspunkt für seine Novelle ist zum Beispiel Uwe Timms Kindheitserinnerung an seine Tante, die wie Lena Brücker in der Brüderstraße lebte.

Hätten Sie das geahnt, dass es selbst für Frau Brücker gibt es ein reales Vorbild? – So ist Uwe Timm die Geschichte einer Frau bekannt, die einen Soldaten vor der Kapitulation versteckte und später eine Imbissbude eröffnete: „Das ist authentisch“, äußert sich Uwe Timm, „alles andere ist Fiktion.“ (Quelle: dtv)

              

Symbole, Charaktere und ihre Bedeutung

Lesegruppe, Buchbesprechung, BuchMöchten Sie und Ihr Literaturkreis sich weiter mit der Interpretation von Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“ befassen, lohnt es sich einen Blick auf die Symbole, Figuren und ihre jeweilige Bedeutung zu werfen.

Sie erkennen bereits wie viel Spielraum und Platz für Diskussionen diese Novelle liefert, so dass eine Lesekreis-Abend für eine tiefgründige Besprechung nicht ausreichen wird. Was halten Sie daher davon die Buchbesprechung auf mehrere Treffen aufzuteilen, vielleicht sogar in Kombination mit einer leckeren Currywurst?

Neben Bezügen zu antiken Mythen und der Biografie des Autors, könnten Sie sich z.B. auch mit diesen Themen beschäftigen:

  • Welche Symbole stehen Ihrer Meinung nach sehr im Fokus dieser Novelle?
  • Wie würden Sie Ihre Fokussierung deuten?
  • Als Ansatzpunkt können Sie sich bspw. auch folgende Symbole vornehmen: den Strickpullover, das Reiterabzeichen Bremers, sowie die Symbolik des Currys und der Erinnerungen
  • Fragen Sie sich auch welche Rolle Genuss und Erinnerung in der Beziehung zwischen Lena Brücker und Bremer spielt
  • Welche geheimen Talente werden der Hamburgerin durch die kriegsbedingten Entbehrungen entlockt?
  • Wie gelingt es der 40-Jährigen Bremer zu heilen?
  • Wie würden Sie die Haupt- und Nebenfiguren charakterisieren?

 

 

Eine Schilderung der deutschen Nachkriegszeit

Trümmer, Nachkriegszeit, DeutschlandDie entscheidende Kunst die Uwe Timm in seinem Werk allerdings zu Tage legt, ist nicht nur eine faktenbasierte Wiedergabe der deutschen Nachkriegszeit. Vielmehr gelingt es ihm durch eine detaillierte Darstellung, die unter anderem auch mit Symbolen und Charakteristika arbeitet, eine Stimmung einzufangen. Jene Stimmung, die der Autor selbst als Kind erlebt hat und nun eine Geschichte daraus kreiert, in die er seine Erfahrungen einfließen lassen kann. Entsprechend bezeichnet Uwe Timm die Arbeit an diesem Buch selbst als „eine Reise in die eigene Erinnerung“.

Im Jahr 2005 veröffentlichte der Hamburger Carlsen Verlag Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“ vom Carlsen Verlag sogar als Comic-Version im Schwarz-Weiß-Stil. Spannende Infos rund um die Stadt und eine faszinierend detaillierte Darstellung der Nachkriegszeit machten das Buch zum Verkaufsschlager. 2008 entschied man sich dazu die Novelle zudem zu verfilmen. Regie führte dabei Ulla Wagner, während Barbara Sukowa in die Rolle der Lena Brücker schlüpfte.

Tipp: Schauen Sie mit Ihrem Literaturkreis auch die Verfilmung an und besprechen Sie, ob Ihnen das Buch oder die Verfilmung besser gefällt.

Uwe Timm interpretiert im Hamburger Abendblatt seine Figur der Lena Brücker zum Beispiel als „eine dieser wunderbaren Frauen, von denen es viele gab“. Sie spiegle jene mutigen und tatkräftigen „Trümmerfrauen“ wider, „die (...) den Großteil des Wiederaufbaus gestemmt haben (...)“.

Besonders die Tatsache, dass die 40-Jährige Protagonistin fast nichts besaß und sich dennoch nicht unterkriegen ließ, sondern sich vielmehr mit reichlich Geschick eine neue Existenz aufbaute, repräsentiere das damalige Frauenleben in der Großstadt.  Hinzu kommt ein entscheidendes Detail das für viel Emanzipation spricht: Lena Brückers Mann kehrt nach Hause zurück, doch nach der glücklichen Zeit mit Bremer wird ihr der ungeliebte Ehemann unerträglich und sie schmeißt ihn raus.

 

Neben dem Frauenbild bietet „Die Entdeckung der Currywurst“ noch weitere Ansätze zur Interpretation:

  • Welche Rolle spielt die Sprachlosigkeit in der Novelle?
  • Inwiefern kann sie als Spiegel der Gesellschaft gedeutet werden?
  • Wie wird mit Ängsten und Gefühlen umgegangen?

 

Bei all diesen Anregungen für hitzige Diskussionsrunden können Sie sich auf spannende Leserunden mit Ihren Gruppenmitgliedern freuen. Wie tiefgründig Sie Uwe Timms Novelle besprechen, bleibt natürlich ganz Ihnen überlassen. – Ebenso welcher Theorie Sie sich bei der Erfindung der Original Currywurst anschließen möchten.

 

 

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