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Etgar Keret im Interview über „Die sieben guten Jahre“

Etgar Keret im Interview – der israelische Schriftsteller hat mit seinem ersten Sachbuch eine emotionale Familienchronik geschaffen. Lesen Sie unsere Buchempfehlung „Die sieben guten Jahre“ und tauchen Sie mit Ihrem Lesekreis in das spannende Werk einer Familie ein. Neugierig?

Etgar Keret ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Israels und laut Salman Rushdie „die Stimme der nächsten Generation“. Was den Autor der zweiten Überlebenden-Generation bewegt, erfahren Sie nachfolgend mit Etgar Keret im Interview.

Wenn Sie sich wundern, warum Sie in Ihrem Lesekreis bisher noch nichts von Keret gelesen haben, dann seien Sie beruhigt. Sicherlich stehen Sie damit nicht allein da – jedenfalls nicht, wenn Sie sich grundsätzlich am liebsten Romanen widmen. Zwar ist Etgar Keret ein erfolgreicher Schriftsteller, jedoch kein Romancier – doch mindestens genauso lesenswert.

Lassen Sie sich mit unserer Buchempfehlung „Die sieben guten Jahre“ davon überzeugen und tauchen Sie in das erste Sachbuch des israelischen Erfolgsschriftstellers ein. Im Anschluss lesen Sie bei Etgar Keret im Interview alles über die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe zu seinem ersten Sachbuch.

Etgar Keret – ein israelischer Erfolgsschriftsteller

Auf dem Gebiet der Graphic Novels, der Kurzgeschichten und Drehbücher, hat sich Etgar Keret einen Namen gemacht und gilt heute als eine der wichtigsten künstlerischen Stimmen aus Israel. Sein Film Jellyfish wurde 2007 auf den Filmfestspielen in Cannes sogar als bestes Debüt ausgezeichnet.

Mit „Die sieben guten Jahre“ erschien sein erstes Sachbuch im S. Fischer Verlag. Hierin verarbeitet er die sehr persönliche Geschichte seiner Familie, die den Holocaust überlebte und während der Besatzung im Warschauer Ghetto lebte. Keret wurde 1967 in Ramat Gan in Israel geboren. Heute lebt er mit Frau und Kind in Tel Aviv. Etgar Keret gibt im Interview ausführliche Antworten zu seiner Familiengeschichte, zum Schreiben und wie beides zusammenpasst.

Unsere Buchempfehlung „Die sieben guten Jahre“ – worum geht es?

„Die sieben guten Jahre“ ist das bisher persönlichste Buch von Etgar Keret und erzählt von seinem Leben als Vater und Sohn. Die Zeitspanne beträgt insgesamt sieben Jahre, bis zum Tod seines Vaters, von dem Etgar Keret im Interview ebenfalls erzählt. Die Geschichte der Eltern, die den Holocaust überlebten, wird dabei ebenso erzählt wie von den Versuchen des Autors, mit dieser Familiengeschichte zu leben – und sich vielleicht sogar damit auszusöhnen.

Es sind glückliche und einzigartige sieben Jahre, die er mit seinem Vater und Sohn verbringt: Er erklärt Angry Birds genauso wie Raketenangriffe, während er immer mehr zum Hüter seines eigenen Vaters wird, der seinem Lebensende bedrohlich näher rückt. Und dann gibt es da noch diese einzigartige Synchronizität, die mit dem Warschauer Ghetto, einem Glas Waldbeerenmarmelade und seiner Mutter zu tun hat.

Der Witz, der bizarre Humor und die erzählerische Großherzigkeit Etgar Kerets leuchtet vor dem dunklen Hintergrund und der beklemmenden Situation Israels noch heller. In einem Moment tiefsinnig und bewegend, im nächsten schon urkomisch und grotesk – kaum ein Schriftsteller versteht es gleichermaßen, zwischen den verschiedenen Stimmungen so schnell zu wechseln und den Leser dabei nicht zu verlieren.

Etgar Keret im Interview

Die Geburt des Sohnes als Inspiration für „Die sieben guten Jahre"

Das Interview mit Etgar Keret erfolgte elektronisch per E-Mail-Verkehr, während seines Rückfluges von Boston nach Tel Aviv. Wochenlang war er auf Lesereise in den Vereinigten Staaten unterwegs. Programmleiter Hans Jürgen Brahms beamt seine Fragen also kurzer Hand ins Netz und lässt Keret aus 10.000 Metern über der Erde antworten.

Am Anfang war da dieser Blick: Etgar Keret beschreibt lebhaft, was der Auslöser dafür war, dass er sein erstes Sachbuch schreiben wollte. – Es war der Tag, als sein Sohn Lev geboren wurde.

Keret selbst glaubt, es habe damit zu tun, wie sein Sohn ihn angesehen habe, als er ihm zum ersten Mal in die Augen schaute: „Als Neugeborenes war sein Blick erfüllt von überwältigendem Staunen“, sagt Keret. „Mir ist klar, dass die Art, wie ich den Ausdruck auf seinem Gesicht interpretierte, absolut subjektiv ist, aber ich empfand es so, als ob es mich als seltsames Wunder erachtete“.

Die Erfahrung, auf diese Weise wahrgenommen zu werden und gleichzeitig jemandem in die Augen zu sehen, der kein völlig anderer ist, sondern „auch ein Stück von mir selbst“, wühlte ihn auf. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, sich selbst von außen betrachten zu können.

Noch am selben Abend setzte er sich an seinen Schreibtisch und begann mit seinem Buch „Die sieben guten Jahre“. Zunächst glaubte er, es für seinen Sohn zu schreiben. Doch in Wahrheit schrieb er es in erster Linie für sich selbst. Warum, erfahren Sie später im späteren Verlauf des Interviews mit Etgar Keret.

Über Heimat, Familie und das Schreiben

Etgar Keret versteht das fiktive Schreiben als einen sicheren Ort, in dem man für eine Weile den Kontakt zum Boden der Tatsachen aufgeben kann – denn dieser sei viel zu traurig und deprimierend. Die Freiheit des Schreibens gebe ihm die Chance, Effekte entstehen zu lassen und Dinge auch verkehrt herum zu präsentieren. Das erlaubt einem nicht unbedingt das Schreiben im Allgemeinen, doch vor allem das fiktive Schreiben – die Fantasie.

„Von diesem Ort ist das neue Buch so weit wie nur möglich entfernt“, sagt Keret. Schließlich gehe es bei der Rekapitulation der Familiengeschichte um Wahrheit und um Reflexion – und das kann weh tun. Doch es lohnt sich: „Es ist sehr viel einfacher für mich, mein Leben zu leben, ohne darüber zu reflektieren. Die Reflexion lässt einen dieselben Situationen noch einmal erleben, aber in einem anderen, wahreren Licht.“ Und die Ergebnisse dieser reflektiven Begehung der Vergangenheit hat Keret in seinem Buch zu kunstvoller Literatur verwoben und abstrahiert.

Es mag erstaunlich scheinen, doch „Die sieben guten Jahre“ erscheint auf Wunsch des Autors nicht in Israel. Im Interview sagt Keret, er habe so lange an der englischen Fassung der Texte gearbeitet, bis die amerikanische Ausgabe für ihn zum Original wurde. Daniel Kehlmann übersetzte diese nun ins Deutsche.

Als Grund für diese Entscheidung, sein Werk nicht in Israel publizieren zu wollen, gibt Etgar Keret im Interview die Privatsphäre seines Sohnes an: Der Vater seiner Frau sei für seine Kindergedichte sehr berühmt in Israel und habe viele auch über Kerets heutige Frau geschrieben. Diese habe es stets als äußerst irritierend empfunden, dass so viele Fremde private Details von ihr kannten, „wie die Farbe ihres Schlafanzugs, den Namen ihres Teddybären“ und dergleichen. „Das Gefühl, so etwas unfreiwillig ausgesetzt zu sein, wollte sie unserem Kind ersparen.“, so Keret. Gemeinsam beschloss das Ehepaar, dass das neue Buch auch nicht auf Hebräisch veröffentlicht werde.

So verständlich diese private Entscheidung scheint, so unverständlich zeigen sich jedoch viele israelische Anhänger des Schriftstellers: „Die Tatsache, dass das Buch in zwanzig Sprachen erscheint, darunter Farsi, aber nicht in meiner Muttersprache, ist etwas, das sie als kulturellen Verrat empfinden. Das stimmt mich traurig.“ Allerdings greift hier sein altbewährter Grundsatz: Keret begreift das Schreiben als Akt der Freiheit – und somit sei ihm auch die Freiheit gestattet, auf sein Herz zu hören. Folgich steht er zu seiner Entscheigung und bereut diese nicht.

Würdigung seiner Eltern

Auch wenn Etgar Keret mit diesem Buch einen zutiefst persönlichen Einblick in sein Leben gibt, zollte er damit gleichzeitig der Lebensleistung seiner Eltern Tribut. – Zumindest aus Sicht seiner Mutter. Welches schönere Lob kann man sich für ein solches Werk wünschen? Laut Keret schrieb er den Großteil des Buches allein in seinem Arbeitszimmer, ohne dass überhaupt jemand davon wusste. Er hatte nicht einmal die Absicht, es zu veröffentlichen. Es entstand aus dem schlichten und äußerst privaten Bedürfnis heraus, die familiäre Geschichte aufzuarbeiten, um sie seinem Jungen, dem Neugeborenen Lev verständlich zu machen.

Nachdem das Buch fertig war und er es seiner Familie zum Lesen gab, war seine Mutter überglücklich. „Als Überlebende des Holocaust betrachteten sie und mein Vater unsere Familie als ihren größten Erfolg. Beide mussten als Kinder alles geben, um den Krieg zu überleben. Ihr größter Wunsch war es, einen Partner zu finden, der sie lieben würde, und die Geburt eigener Kinder zu erleben“, sagt Keret. Schließlich schienen diese heute so selbstverständlichen Dinge während des Krieges als unmöglich – umso größer war der Stolz und das Glück darüber, ihren Traum erfüllt zu haben. „Da mein Buch von meiner Familie handelt, sieht meine Mutter es als ein Dokument an, das diesen Erfolg besiegelt hat.“

Lesen Sie hier weiter um mehr über Etgar Keret im Interview zu erfahren:

Das Geheimnis der Waldbeerenmarmelade

„Marmelade“ heißt das Kapitel im Buch, in dem die unerwartete Anekdote von einem Glas Marmelade erzählt wird. Etgar Keret hat sich in einer Baulücke in Warschau das sogenannte schmalste Haus der Welt errichten lassen. Es befindet sich in einer Baulücke zwischen zwei elfgeschossigen Gebäuden und misst an seiner schmalsten Stelle nur geschlagene 92 Zentimeter. An seiner breitesten Stelle 152 Zentimeter. Eben diese Lücke beziehungsweise schmale Gasse wurde in der Besatzungszeit im zweiten Weltkrieg genutzt, um Nahrungsmittel und Proviant ins Warschauer Ghetto zu schmuggeln – unter anderem auch durch Kerets Mutter. So geschah es, dass eine ansässige Warschauerin ihm ein Glas eingekochter Marmelade übergab – dasselbe Glas, das sie vor vielen Jahrzehnten eigentlich seiner Mutter hatte überreichen wollen: als Dank für all die Hilfe während der Besatzung. Als Etgar Keret im Interview davon erzählt, sagt er dazu: „Es war Waldbeerenmarmelade, und die Tatsache, dass ich in Warschau Dinge aß, nach denen meine Mutter sich damals nur hatte sehnen können, war sehr tröstlich. Es gab mir das optimistische Gefühl, dass man sich mit der Vergangenheit versöhnen kann, nicht nur als Individuum, sondern auch als Familie, ja als ganzes Geschlecht.“

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