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Arundhati Roy, Frau, Autorin

Ein Gespräch mit Arundhati Roy

»Ich war immer wieder überrascht, an den unwahrscheinlichsten Orten Liebe, Hoffnung, Glück zu finden.«

 

Das Ministerium des äußersten Glücks, BuchDas Ministerium des äussersten Glücks führt den Leser an einen Ort, an den man auf der Suche nach dem Glück nicht denken würde. Aber eine Reihe ausgestoßener Helden finden hier eine Gemeinschaft. Mit dem Schicksal konfrontiert bilden sie eine besondere Art der Familie die ihnen Halt gibt.

Nach ihrem Weltbestseller "Der Gott der kleinen Dinge" beeindruckt uns Arundhati Roy mit ihrem bewegenden Roman “Das Ministerium des äussersten Glücks”. Im Gespräch berichtet sie von 10 Jahren des Schreibens und davon wie die Entwicklungen in Indien ihr Schaffen beeinflusst haben.


 

Über zehn Jahre lang haben Sie an Ihrem Roman geschrieben, nun ist die Arbeit beendet – vermissen Sie Ihre Helden?

Ich habe zehn Jahre mit ihnen gelebt. Aber ich werde sie nie vermissen, denn sie werden mich nie verlassen. Sie sind genauso Teil der Welt wie ich selbst.

 

Ihr Roman ist die Suche nach einer Art der Liebe, die unter dem Druck der Gesellschaft überlebt.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Roman eine Suche ist oder war. Er ist, wie er ist. Eine genauere Definition, ein präziseres Resümee kann ich nicht finden. Er ist.

In all den Jahren voller Reisen, Leben, Wohnen und Lieben, in denen ich an ihm schrieb, war ich immer wieder überrascht, an den unwahrscheinlichsten Orten Liebe, Hoffnung, Glück zu finden – und im Gegenzug zu entdecken, dass woanders völlig unerwartet Verzweiflung und Gemeinheit, Kleingeist und Pessimismus wie Pilze aus dem Boden schießen.

 

Was war in den zehn Jahren am schwersten zu finden?

Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob ich das alles geschrieben habe. Ich konzentrierte mich. Die Figuren schrieben den Roman. Ich ließ sie. Was war am schwersten zu finden? Vielleicht – wenn man bedenkt, wer ich bin, wo ich lebe und was hier alles geschieht – war es am schwersten, das Geschenk einer anhaltenden, nicht unterbrochenen Konzentration festzuhalten. Aber ich habe sie gefunden. Ich hielt an ihr fest. Am Ende war ich eine militante Einsiedlerin. Die Schwierigkeit ist nun, das wieder aufzulösen. Aber die, die mich kennen, werden das verstehen...

 

Menschen, Indien, FlaggeIn den zwanzig Jahren zwischen Ihren beiden Romanen hat sich Indien sehr gewandelt, viele dieser Entwicklungen haben Sie kommentiert und gegen sie protestiert. Hat dies Ihre Phantasie gelähmt oder eher beflügelt?

Alles, was ich den letzten zwanzig Jahren schrieb, hat mein Denken nuancierter und komplexer werden lassen und meine Phantasie angespornt. Dieses Verständnis ist Grundlage des ganzen Buches. Während des Schreibens war eines der größten Hindernisse die Frage, wie ich der Dummheit des Mobs aus dem Weg gehe, die in Indien zu einer wahren Sturmflut geworden ist. Es gibt hier keine Meinungsfreiheit. Doch im Unterschied zu Diktaturen (einschließlich der Diktatur des Proletariats), wo der Staat oder der Alleinherrscher die Meinungsfreiheit zensiert, hat man dies in Indien an den Mob delegiert. Und man kann nie voraussehen, welche »identitären« (um das so auszudrücken), chauvinistischen, nihilistischen Schlägergruppen hinter einem her sind. Welcher heimtückischer, Publicity-geiler Mensch wird vor Gericht eine Anklage gegen dich erheben, so dass die Bürger ein Schauspiel erleben – mit einem Schriftsteller, einem Regisseur oder einer Schauspielerin, die wie Kriminelle dem Richter vorgeführt werden. Es ist kein großes Ding, aber es nimmt dir deine Energie, deine Spontanität, deinen Humor, deine Lust, etwas Neues auszuprobieren, den Würfel rollen zu lassen. Es macht Literatur unmöglich. Was bei mir dazu führte, dass ich das Buch genau so schrieb, wie ich es wollte und ich mir sagte, dann stecke ich das Manuskript halt in die Schublade. Aber wenn es einmal da ist, will es in die Augen der Öffentlichkeit. Eine Schriftstellerin und ihr Ego... Himmel!

 

Wir hoffen, dass die Frauen, nicht nur in Situationen, wie sie der Roman schildert, die Welt verändern können. Aber wenn man die Nachrichten aus Indien liest, hat man den Eindruck, dass sie immer hilfloser werden...

Sind alle Frauen Frauen, alle Männer nur Männer? Das fragt sich das Buch...

 

Beide Heldinnen, Anjum wie Tilo, sind Kämpferinnen, aber sie tragen keine Waffen.

Sind Waffen wirklich Waffen?, fragt sich das Buch.... Ist Geld eine Waffe? Macht? Sind Privilegien Waffen? Können Kriege Frieden stiften? Kann Friede Krieg sein? Das Buch fragt sich das alles…

 

 

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